Zum Tod des Schriftstellers und Zeichners, der Generationen von Kindern und Erwachsenen mit seinen Geschichten und Bildern verzauberte

Es gibt Menschen, die man nur einmal im Leben trifft und die einem trotzdem für immer in Erinnerung bleiben. Janosch war für mich ein solcher Mensch. Nun ist der Schriftsteller und Zeichner im Alter von 95 Jahren gestorben. Am 3. November 2026 endete sein Leben auf Teneriffa, wo er viele Jahre zu Hause war. Mit ihm geht ein Künstler, der seine ganz eigene Welt erschaffen hat – eine Welt, in der Freundschaft wichtiger ist als Erfolg, in der Außenseiter ihren Platz finden und in der man manchmal erst einmal losgehen muss, um das Glück zu entdecken.
Eine Begegnung, die unvergesslich bleibt
Ich durfte Janosch kennenlernen, als er seine ganz eigene Fassung der „Bremer Stadtmusikanten“ für den Bremer Verlag Edition Temmen veröffentlicht hatte. Am 4. Dezember 2004 stellte er das Buch in Bremen vor. Die Geschichte der Brüder Grimm war vielen vertraut, doch Janosch machte daraus wieder eine ganz neue Erzählung. Mit seinen unverwechselbaren Zeichnungen und seinem schelmischen Humor ließ er Esel, Hund, Katze und Hahn auf seine Weise lebendig werden. Sogar die Tigerente hatte ihren Platz in dieser Geschichte gefunden.
Nach der Pressekonferenz geschah etwas, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: Janosch lud mich ein, ihn noch zu einer Grundschule zu begleiten, wo er das Buch vorstellte.

Es war ein unvergesslicher Tag. Ich begegnete keinem Künstler, der sich hinter seinem Ruhm verschanzt hätte, sondern einem freundlichen, eigenwilligen und angenehm kauzigen Menschen. Einer, der offenbar Freude daran hatte, seine Geschichten mit Kindern zu teilen. Gerade diese persönliche Begegnung macht die Nachricht von seinem Tod für mich besonders traurig.
Manche Erlebnisse verlieren mit den Jahren ihre Konturen. Andere bleiben erstaunlich lebendig. Dieser Tag gehört für mich zu den letzteren.
Ein Mann, der sich seine eigene Welt schuf
Janosch wurde am 11. März 1931 in Oberschlesien geboren. Seine Kindheit war nicht unbeschwert. Nach dem Krieg kam er nach Westdeutschland, arbeitete zunächst in einer Textilfabrik und begann später eine künstlerische Ausbildung in München. Seine Laufbahn führte ihn schließlich zu jener besonderen Mischung aus Zeichnung und Erzählkunst, für die ihn Millionen Menschen kennenlernen sollten.
Seine Bilder waren unverwechselbar. Sie wirkten manchmal, als seien sie mit wenigen Strichen hingeworfen worden. Doch gerade in dieser scheinbaren Einfachheit lag ihre besondere Kraft. Seine Figuren waren nicht perfekt, nicht glatt und nicht auf Hochglanz poliert. Sie hatten Ecken und Kanten, wirkten gelegentlich etwas verschroben und waren gerade deshalb so liebenswert.
Janosch musste seine Figuren nicht zu Helden machen. Er ließ sie einfach sein, wie sie waren. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil seines Erfolgs: In seinen Geschichten durfte jeder auf seine Weise glücklich werden.
Der kleine Tiger, der Bär und die Tigerente
Wer den Namen Janosch hört, denkt unweigerlich an den kleinen Tiger, den Bären und die Tigerente. Mit ihnen schuf er Figuren, die weit über das Kinderzimmer hinaus bekannt wurden.

Besonders „Oh, wie schön ist Panama“ wurde zu einem Klassiker. Der kleine Tiger und der Bär machen sich auf den Weg in das vermeintlich ferne Glück. Sie suchen Panama, obwohl sie zunächst gar nicht wissen, was sie dort erwartet. Am Ende führt sie ihr Weg an einen Ort, an dem sie bereits gewesen sind.
Das ist eine einfache Geschichte, aber sie enthält eine Erkenntnis, die auch Erwachsenen guttut: Manchmal suchen wir das Glück weit weg und übersehen dabei, was uns längst vertraut ist.
Auch „Post für den Tiger“ und „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ gehören zu den Büchern, mit denen Janosch Generationen begleitet hat. Es ging um Freundschaft, Fürsorge, Vertrauen und die Fähigkeit, füreinander da zu sein. Seine Geschichten behandelten diese Themen ohne erhobenen Zeigefinger. Sie ließen den Leser selbst entdecken, was wirklich wichtig ist.
Der Erfolg blieb nicht auf Deutschland beschränkt. Janoschs Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und fanden Leser in aller Welt. Seine Figuren wurden zu vertrauten Begleitern, und die Tigerente entwickelte ein Eigenleben weit über die Buchseiten hinaus.
Auch die Bremer Stadtmusikanten wurden zu echten Janosch-Figuren
Mit seiner Fassung der „Bremer Stadtmusikanten“ kehrte Janosch zu einem Märchen zurück, das wie kaum ein anderes mit einer deutschen Stadt verbunden ist.
Die Geschichte der vier Tiere, die sich auf den Weg machen, weil sie in ihrem bisherigen Leben keinen Platz mehr finden, passt erstaunlich gut zu seiner Gedankenwelt. Esel, Hund, Katze und Hahn sind keine strahlenden Sieger. Sie sind ausgemustert worden, haben ihre besten Tage angeblich hinter sich und müssen sich neu orientieren.
Doch gemeinsam entdecken sie eine Möglichkeit, die keiner von ihnen allein gehabt hätte. Sie werden zu einer Gemeinschaft, die sich nicht von ihren Schwächen bestimmen lässt.
Janosch erzählte das Märchen mit seinem eigenen Humor und mit Bildern, die der vertrauten Geschichte eine neue Leichtigkeit verliehen. Die vier Tiere bekamen ihren unverwechselbaren Janosch-Charakter – und natürlich durfte auch die Tigerente nicht fehlen.
Bei seinem Bremer Besuch trug sich der Künstler zudem in das Goldene Buch der Stadt ein. Dort hinterließ er eine Liebeserklärung, die wunderbar zu ihm passt: „Bremen ist meine Lieblingsstadt. Echt wahr!“
Das klingt nach Janosch: ein bisschen verschmitzt, herzlich und ohne große Feierlichkeit.
Ein Künstler, der auch Erwachsenen etwas zu sagen hatte
Wer Janosch ausschließlich als Kinderbuchautor betrachtet, greift zu kurz. Er schrieb und zeichnete auch für Erwachsene. Seine Geschichten konnten heiter sein, manchmal nachdenklich, gelegentlich schräg und nicht selten von einer stillen Lebensweisheit geprägt.
Dabei war er kein Künstler, der sich unbedingt in die üblichen Schubladen einordnen ließ. Seine Figuren und Texte folgten ihrer eigenen Logik. Sie erinnerten daran, dass ein gelungenes Leben nicht zwingend aus Karriere, Besitz und gesellschaftlicher Anerkennung bestehen muss.
Janosch traute den kleinen Dingen etwas zu: einem Gespräch, einer Freundschaft, einem gemeinsamen Weg und der Möglichkeit, sich selbst nicht immer allzu ernst zu nehmen.
Vielleicht war es gerade diese Mischung aus Kauzigkeit und Menschenfreundlichkeit, die ihn so besonders machte. Er musste nicht jedem gefallen und wollte nicht jedem erklären, wie die Welt zu funktionieren hat. Er zeichnete sie, erzählte seine Geschichten und überließ es seinen Lesern, darin etwas für sich zu entdecken.
Danke, Janosch
Wenn ein Mensch stirbt, der so viele Geschichten hinterlassen hat, bleibt mehr als eine Sammlung von Büchern und Zeichnungen. Es bleiben Bilder, die man im Kopf trägt, Sätze, die man nicht vergisst, und Figuren, die einem über viele Jahre vertraut geworden sind.

Für mich bleibt darüber hinaus die Erinnerung an einen besonderen Tag in Bremen. An einen Künstler, der nach einer Pressekonferenz nicht einfach verschwand, sondern mich einlud, ihn bei einer Begegnung mit Kindern zu begleiten. An einen freundlichen, kauzigen Menschen, der mir persönlich begegnet ist und dessen Wesen mir in Erinnerung geblieben ist.
Vielleicht ist das eine der schönsten Möglichkeiten, einen Menschen zu würdigen: nicht nur aufzuzählen, was er geschaffen hat, sondern auch davon zu erzählen, was von ihm geblieben ist.
Janosch hat uns gezeigt, dass man für eine gute Geschichte keine perfekten Helden braucht. Manchmal genügen ein Bär, ein Tiger, eine Tigerente oder vier Tiere, die gemeinsam ihr Glück suchen.
Und manchmal genügt eine Begegnung, damit ein Mensch unvergesslich wird.
Danke für die Geschichten, die Bilder und die Erinnerung an einen besonderen Tag. Gute Reise, Janosch.
Fotos: Janosch (Horst Eckert, 1931–2026). Mit seinen unverwechselbaren Zeichnungen und Geschichten begeisterte der Schriftsteller und Künstler Generationen. Janosch film & medien AG, KI-bearbeitete Fassung
