Exklusiv-Interview mit Katha Rosa

Ihr Song “Nein, du kannst mir nicht wehtun” sorgt für mächtig Aufregung.

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https://youtu.be/OkVsKM25zk8


In ihrer ersten offiziellen Single „Nein (Du kannst mir nicht weh tun)“ geht es um ihre schwierige Kindheit. Sie wird von ihrem Stiefvater missbraucht, was sie in dem Song verarbeitet. Er tyrannisiert die gesamte Familie. Auch verbietet er ihnen in seinem Beisein zu musizieren.  
Selbst in der Schule gibt es für Katha keine Normalität: Durch ihren Kleidungsstil, den Zigarettengeruch von zuhause, ihre zurückhaltende Art und die Tatsache, dass sie Pfandflaschen sammelt, um sich Süßigkeiten kaufen zu können, gilt sie schnell als Außenseiterin und wird gemobbt.

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https://youtu.be/7bb9d67mpW0


Im Gespräche mit Katha Rosa

schmusa.de Ehrlich gestanden haben wir einige Zeit in der Redaktion diskutiert, ob dein Song zu SCHmusa passt. Wir waren uns schnell einig, dass du eine sehr mutige junge Frau bist und wir nicht das Recht haben, dein Anliegen zu ignorieren. Unsere Leser sind erwachsen und werden selbst entscheiden, ob sie deine Geschichte interessiert oder ob sie auf diesen Artikel verzichten. Hat dich jemand überzeugen und überreden müssen, deinen Song zu schreiben?

Katha Rosa: Nein. Niemand hat mich überreden oder überzeugen müssen diesen Song zu schreiben, er kam einfach so aus mir „rausgesprudelt“, nachdem mich ein Besuch in meiner Heimatstadt Krefeld getriggert hat.

schmusa.de Und wie ist dieser Song bekannt geworden?

Katha Rosa: Ich habe das Lied dann auf TikTok gepostet, so wie auch meine anderen Lieder, dahinter steckte aber kein besonderer Plan, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass es wirklich jemand hört. Ich muss sagen, ich habe einfach so wie immer ein Lied geschrieben, um vor allem mir selbst damit zu helfen und meine Vergangenheit zu verarbeiten.
Alles, was danach passierte, ist einfach unfassbar wertvoll! Ich hätte nicht gedacht, dass es auch anderen hilft und ich bin sehr dankbar für dieses gegenseitige Mutmachen und Unterstützen, was ich momentan erleben darf.  

schmusa.de Du erzählst, dass du von deinem Stiefvater sexuell missbraucht wurdest. Hast du ihn damals angezeigt?

Katha Rosa: Ja, ich habe meinen damaligen Stiefvater angezeigt. Als ich 15 oder 16 war, habe ich mich endlich meiner Mutter anvertraut und sie hat sofort die Polizei gerufen.

Er musste dann für eine Nacht das Haus verlassen, durfte aber am nächsten Tag schon wieder kommen.  Nach ein paar Tagen ist er endlich ausgezogen. Er und meine Mutter haben sehr viel und laut gestritten und wir Kinder saßen immer oben auf der Treppe und haben zugehört!

Wir haben uns immer gewünscht, dass er endlich geht! Er war ein Tyrann und wir Kinder hatten Angst vor ihm. Nachdem ich ihn angezeigt hatte, kam eine Gutachterin vom Gericht zu uns nach Hause und hat mir viele Fragen gestellt und einen IQ-Test gemacht. Immer wieder hat sie mir dieselben Fragen gestellt, nur anders formuliert. Das hat mich damals fast wahnsinnig gemacht.

Heute weiß ich, dass sie nur herausfinden wollte, ob ich lüge oder nicht. Ich habe leider nicht gelogen, das hat sie vor Gericht dann auch bestätigt. Da ich damals vor Gericht noch nicht volljährig war, musste mein Stiefvater den Saal während meiner Aussage verlassen, damit es mir leichter fällt darüber zu reden. 

Die Verhandlung hat sehr lange gedauert, weil es mir verdammt schwer gefallen ist das auszusprechen, was ich mit ihm tun musste. Ich habe gemerkt wie genervt der Richter und alle anderen Anwesenden davon waren, dass es so lange dauerte. Für die war es ja bloß ein Job. Das war alles sehr anstrengend für mich. 

Es kam erstmal zu keinem Urteil und ich habe 2 Jahre lang auf einen neuen Gerichtstermin gewartet. In den 2 Jahren bin ich fast durchgedreht, vor Angst, dass ich ihn nochmal wieder sehen muss. Ich habe meine Ausbildung dann abgebrochen und bin in eine Tagesklinik gegangen, um irgendwie klar zukommen. Dann habe ich meine Mutter gebeten sich um den Gerichtstermin zu kümmern und unsere Anwältin teilte uns dann mit, dass man unser Gerichtsverfahren einfach „vergessen“ hätte. 

Die lange Wartezeit wurde dann strafmildernd auf sein Urteil angerechnet. Er bekam 2 Jahre auf Bewährung und musste 3000€ Schmerzensgeld zahlen. Er durfte in Raten bezahlen und ich wurde jahrelang mit 50€ monatlich an ihn erinnert, wenn ich seinen Namen auf meinem Kontoauszug lesen musste. 

schmusa.de Du bist nicht in einer normalen bürgerlichen Familie aufgewachsen. Magst du uns etwas über die Verhältnisse berichten, die deine Kindheit und Jugend beschreiben?

Katha Rosa: In meiner Familie war es Alltag, dass das ganze Haus unordentlich und voller Zigarettenqualm war. Wir durften keine Freunde einladen und ich weiß noch wie schockiert ich war, als ich eine Freundin besuchte und es bei ihr zuhause so ordentlich war.

Wir mussten zuhause immer ganz leise sein bei allem, was wir taten und ich habe mich bei den Eltern von Freunden immer entschuldigt, wenn ich auch nur ein kleines Geräusch gemacht habe. Es gab zuhause schon Ärger, wenn wir beim Umrühren des Kakaos, die Tasse mit dem Löffel berührten.

Wir wurden oft angeschrien, es gab keine Umarmungen, wir wurden gezwungen und erpresst unseren Stiefvater „Papa“ zu nennen. Ich habe ihn so sehr gehasst. Wenn ich oben in meinem Zimmer gesungen habe, rief er von unten laut „SCHNAUZE!!“.

Ich hatte so Angst vor ihm, dass ich sofort still wurde und leise in mein Kissen geweint habe. Ich habe mich zuhause nie wohl gefühlt und wollte immer ins Kinderheim. Einmal habe ich mich getraut und meiner Oma angedeutet, was zuhause los ist. Sie hat mich nicht angesehen und nur den Rat gegeben durchzuhalten bis ich 18 werde und dann auszuziehen.

Ich war damals enttäuscht über diesen schwachen Ratschlag. Heute frage ich mich nur, ob sie sowas auch durchmachen musste. Nachdem unser Stiefvater ausgezogen war, habe ich meine Mutter sehr respektlos behandelt. Ich war wütend, dass sie uns nicht beschützt hat und dass sie so ein Monster geliebt hatte.

Er hatte sie ja genauso unterdrückt wie uns Kinder. Immer sobald er das Haus verlassen hatte, holte meine Mutter die Süßigkeiten aus den Verstecken und sang mit uns. Sie war dann wie ausgewechselt.

Heute liebe ich sie, eher wie eine Freundin. Ich habe verstanden, dass sie Angst hatte mit vier Kindern allein zu sein und das nicht zu schaffen. 

schmusa.de Dass deine Mutter einen neuen Partner gehabt hat, wird dich als Kind ganz gewiss berührt haben. Hast du dich evtl. sogar gefreut, einen neuen Vater zu haben?

Katha Rosa: Nein, ich habe mich nie über meinen Stiefvater gefreut. Am Anfang hieß es immer, er wäre nur ein Freund und nur zu Besuch, also habe ich ihn nie als meinen Vater gesehen. Er wollte mir aufzwingen, ihn „Papa“ zu nennen.

Ich habe beispielsweise Hausarrest bekommen, wenn ich mich geweigert habe auf seinem Schoß zu sitzen, ihn „Papa“ zu nennen oder ihm zu sagen, dass ich ihn lieb habe. Ich wollte nichts davon und habe ihn immer gehasst, weil er uns geschlagen hat und verboten hat laut bzw. Kind zu sein.

Ich wollte immer wissen, wer wirklich mein Vater ist und war gleichzeitig wütend auf meinen leiblichen Vater. Dafür, dass er sich anscheinend nicht für uns interessierte, denn ich habe ihn erst mit 16 das erste Mal kennengelernt. Heute habe ich keinen Kontakt zu ihm. Er ist nur mein Erzeuger, weiter nichts

schmusa.de Welches Verhältnis hast du heute zu deiner Kindheit?

Katha Rosa: Heute habe ich das meiste aus meiner Kindheit vergessen oder verdrängt. Es gibt nur noch selten Momente, in denen ich zurückdenke und mir wünschte, ich hätte eine schönere Kindheit gehabt. Ich habe aufgehört, mich zu fragen wie mein weiteres Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich mit mehr Liebe statt Gewalt groß geworden wäre.

Das Einzige, woran ich mich gerne zurück erinnere, sind die lustigen Momente zwischen meinen Geschwistern und mir: Das gemeinsame Singen und wenn wir zusammen Sport gemacht haben. 

schmusa.de Du singst in “Du kannst mir nicht wehtun” – “Du bist mir egal”. Das hört sich so einfach an. Dass einem ein Mensch egal ist, dafür muss man viele Gefühle wie Hass, Mitleid, Wut, Angst und vieles mehr verarbeiten.

Katha Rosa: Es hat sehr lange gedauert bis mir diese Menschen von früher, die mich gemobbt haben, egal waren. Ich habe diese Menschen lange Zeit sehr gehasst und ihnen viel Schuld für mein Leben gegeben. Es war nämlich einfacher anderen die Schuld zu geben und in der Opferrolle zu bleiben als an mir selbst zu arbeiten. Dadurch blieb mein Leben aber negativ und meine Gedanken dunkel!

Irgendwann kam endlich die große Einsicht, dass ich selbst verantwortlich für mein jetziges Leben bin und ich habe aufgehört, das Opfer sein zu wollen und allen anderen die Schuld an meiner Situation zu geben.

Ich habe den Menschen von früher vergeben und versucht sie zu verstehen. Ich kam zu der Erkenntnis, dass Menschen, die hässlich zu anderen sind, viel Hass in sich selbst tragen und genau diese Menschen brauchen eigentlich viel Liebe. Also habe ich mich für die Liebe entschieden und ihnen vergeben. Heute denke ich nicht mehr an diese Menschen, und wenn ich doch mal an sie denke, dann weder positiv noch negativ. 

schmusa.de Hattest du jemanden, mit der oder dem du deine Sorgen teilen konntest?

Katha Rosa: Ich hatte immer die Musik, Kunst und Sport mit denen ich meine Sorgen teilen konnte. Ich habe Lieder, Gedichte oder Geschichten geschrieben, viel gezeichnet und beim Sport Vollgas gegeben. Das war mein Ventil.Außerdem haben meine Geschwister mir Halt gegeben.

schmusa.de Du hast einen #Du bist nicht schuld eingerichtet. Willst du anderen helfen.

Katha Rosa: Ja, ich möchte vor allem durch meine Musik jungen Menschen und Kindern helfen mutig zu werden und zu verstehen, dass sie nicht Schuld sind an dem, was passiert!

Ich selbst hatte damals zu viel Angst und das Thema Missbrauch und Mobbing wurde zu meiner Schulzeit nicht gut genug oder gar nicht besprochen. Ich hoffe, dass sich das ändert! Mobbing und dann noch der Stress zuhause sind absolut tödlich. Suizid ist die zweitgrößte Todesursache bei Kindern und Jugendlichen.

Auch ich habe in dieser Zeit mehrfach mir das Leben zu nehmen. Ich finde zu viele Menschen neigen dazu, solche unschönen Themen ganz schnell zu verdrängen und genervt davon zu sein, wenn es sie nicht selbst betrifft. Solange die Mehrheit weiter weg sieht, den Betroffenen nicht geglaubt wird und die Täter keine härteren Strafen erhalten, haben die betroffenen Kids keine Chance.

Gerade Erwachsene sollten endlich wachsamer werden und unsere Kinder und deren Zukunft besser beschützen. Die meisten Missbrauchstäter sind im eigenen Umfeld und sogar in der Familie. In meinem privaten Umfeld steht jeder erstmal unter Verdacht, das passiert ganz automatisch. Ich habe Angst, dass sowas in meinem Umfeld passiert und ich es nicht bemerke!

Es ist wichtig den Kindern beizubringen, dass ihr Körper ihnen gehört und niemand sie ohne Erlaubnis anrühren darf. Wie soll ein Kind, was vom eigenen Vater missbraucht oder misshandelt wird, verstehen, dass das nicht in Ordnung ist, wenn das Thema nicht in der Schule oder Zuhause etc. besprochen wird.

Das muss sich ändern und ich bin dankbar für jeden Radiosender, der das Lied spielt und für jedes Magazin, welches darüber berichtet. Ich hoffe, dass dieses Lied viele Menschen hören und sich endlich mal Gedanken über das Thema machen.

Hoffentlich hören auch viele Täter*innen zu und fühlen sich dann nicht mehr so sicher mit dem was sie tun! Das ist die Hilfe, die ich geben kann! Darüber singen und mit meiner Offenheit vielleicht andere ermutigen auch offen darüber zu sprechen. Viele erzählen mir jetzt ihre Geschichten erzählen und möchten Ratschläge haben. Ich habe auch versucht jedem zu antworten, doch es wird leider einfach zu viel. Das Vertrauen ehrt mich sehr, aber ich kann leider keine professionelle Hilfestellung in dem Maße leisten.

Deswegen möchte ich nochmal ganz klar sagen: Ich kann helfen, indem ich darüber singe. Für professionelle Hilfe bitte ich ganz stark darum, dass sich Betroffene an das Hilfeportal der UBSKM wenden. www.hilfe-portal-missbrauch.de

schmusa.de Vielen Dank, Katha. Wir wünschen die nur das Beste und hoffen, dass du vielleicht bald auch positive Lieder voller Lebensfreude singen magst.

Foto: Marcel Brell

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