Goodbye, Dolly
Es ist 1980.
Dolly Parton ist längst ein großer Country-Star. Doch nun steht sie vor einer neuen Herausforderung.
Hollywood.
Sie soll in einem Kinofilm mitspielen.
Der Titel:
„9 to 5“.
Eine Komödie über drei Frauen, die sich gegen ihren sexistischen und tyrannischen Chef zur Wehr setzen.
Dolly spielt neben Jane Fonda und Lily Tomlin.
Und zunächst weiß eigentlich niemand so recht, was man von der Country-Sängerin als Schauspielerin erwarten soll.
Doch Dolly hat eine Idee.
Sie will nicht einfach nur in diesem Film mitspielen.
Sie will ihm einen Song geben.
Dolly bekommt eine neue Aufgabe
Während der Dreharbeiten beobachtet Dolly genau, was um sie herum passiert.
Sie sieht die Frauen am Set.
Sie erlebt die Atmosphäre.
Und sie merkt:
Dieser Film handelt von Frauen, die jeden Tag arbeiten, sich abrackern und trotzdem von ihren männlichen Vorgesetzten nicht ernst genommen werden.
Das Thema ist Anfang der 1980er-Jahre hochaktuell.
Viele Frauen sind längst selbstverständlich berufstätig.
Aber die Arbeitswelt ist noch weit davon entfernt, Frauen und Männer gleich zu behandeln.
Und genau daraus macht Dolly einen Song.
Aber wie schreibt man einen Song beim Drehen eines Films?
Dolly hat ein Problem.
Sie braucht ihre Hände.
Denn während der Dreharbeiten kann sie nicht einfach ständig eine Gitarre auspacken und an einem Song arbeiten.
Also macht sie etwas Geniales.
Sie schaut auf ihre Fingernägel.
Dolly trägt bekanntlich diese langen, künstlichen Fingernägel.
Und während sie am Filmset sitzt, beginnt sie mit den Fingernägeln einen Rhythmus zu klopfen.
Klack. Klack. Klack.
Das Geräusch erinnert sie an eine Schreibmaschine.
Und plötzlich hat sie den Rhythmus für den Song.
Dolly imitiert mit ihren Fingernägeln das Geräusch einer Schreibmaschine – und genau dieses Geräusch wird später Teil der Aufnahme von „9 to 5“.
Das ist eine dieser Geschichten, bei denen man sich fragt:
Wie kommt man auf so etwas?
Bei Dolly Parton offenbar ganz einfach.
„Working 9 to 5“
Dolly beginnt, den Text zu schreiben.
Und sie kennt dieses Leben durchaus.
Sie ist in ärmlichen Verhältnissen in den Great Smoky Mountains aufgewachsen.
Sie weiß, was es bedeutet, hart zu arbeiten.
Ihre Eltern mussten ihre große Familie unter schwierigen Bedingungen durchbringen.
Und Dolly hat früh gelernt:
Arbeit ist keine Nebensache. Arbeit bestimmt das Leben.
Jetzt verwandelt sie dieses Thema in einen Popsong.
„Tumble outta bed and I stumble to the kitchen“
Schon die ersten Zeilen treffen einen Nerv.
Aufstehen.
Zur Arbeit.
Kaffee.
Büro.
Chef.
Stress.
Und dann dieser Satz, der den gesamten Frust einer Arbeitswelt zusammenfasst:
Man arbeitet den ganzen Tag – und jemand anderes kassiert den Erfolg.
Dolly macht daraus allerdings keinen Protest-Song im klassischen Sinne.
Sie macht einen Ohrwurm daraus.
Und genau darin liegt ihre Genialität.
Der Film wird zum Erfolg
„9 to 5“ kommt Ende 1980 in die Kinos.
Dolly spielt die Sekretärin Doralee Rhodes.
Und die Figur passt erstaunlich gut zu ihr.
Doralee ist freundlich.
Selbstbewusst.
Schlagfertig.
Und sie lässt sich nicht alles gefallen.
Ein bisschen Dolly Parton steckt also durchaus in Doralee.
Und dann erscheint die Single
Der Song wird Ende 1980 veröffentlicht.
Und plötzlich passiert etwas Bemerkenswertes.
Dolly Parton, die bisher vor allem als Country-Sängerin bekannt war, landet einen riesigen Pop-Hit.
„9 to 5“ erreicht in den USA:
Platz 1 der Billboard Hot 100.
Gleichzeitig steht der Song natürlich auch an der Spitze der Country-Charts.
Dolly schafft damit etwas, das nur sehr wenigen Country-Künstlern gelingt:
Sie erreicht gleichzeitig Country- und Pop-Publikum.
Und der Song bekommt einen Oscar
Dolly ist für „9 to 5“ sogar für den Oscar nominiert.
Das ist für eine Country-Sängerin, die gerade ihre erste große Filmrolle spielt, eine Sensation.
Sie tritt bei der Oscar-Verleihung auf.
Und der Song wird endgültig zu einem internationalen Klassiker.
Aber dann passiert etwas sehr Dolly-Parton-Typisches
Dolly verdient mit dem Lied nicht nur Geld.
Sie nutzt den Erfolg, um etwas zu bewirken.
„9 to 5“ wird zu einer Art Hymne für berufstätige Frauen.
Der Titel steht irgendwann nicht mehr nur für den Film.
Er steht für:
den ganz normalen Arbeitsalltag.
Neun Uhr bis fünf Uhr.
Chef.
Büro.
Überstunden.
Lohn.
Und die Hoffnung, dass die eigene Arbeit irgendwann auch entsprechend gewürdigt wird.
Die Schreibmaschine wird zum Markenzeichen
Und jetzt müssen wir noch einmal zu Dolly und ihren Fingernägeln zurück.
Dieses rhythmische Klackern am Anfang und im Verlauf des Songs ist tatsächlich ein Teil der Aufnahme.
Dolly hatte während der Dreharbeiten mit ihren Fingernägeln auf die Oberfläche geklopft.
Später wurde dieses Geräusch professionell aufgenommen und in die Produktion integriert.
Es ist ein winziges Detail.
Aber wenn man es einmal weiß, hört man bei „9 to 5“ plötzlich ganz anders hin.
Da sitzt also gewissermaßen Dolly Partons Maniküre im Song. 😄
Und Dolly singt nicht nur über Frauen
Obwohl „9 to 5“ eng mit der Frauenbewegung verbunden ist, funktioniert der Song viel breiter.
Denn eigentlich kennt jeder diesen Frust:
Man arbeitet.
Man gibt sich Mühe.
Man kommt morgens zur Arbeit.
Man geht abends nach Hause.
Und trotzdem hat man manchmal das Gefühl:
Andere profitieren mehr von meiner Arbeit als ich selbst.
Deshalb wurde „9 to 5“ auch weit über die USA hinaus populär.
Der Film und der Song werden untrennbar
Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen anderen Filmliedern.
„9 to 5“ ist nicht einfach ein Song, der irgendwo im Abspann läuft.
Er gehört zum Film.
Wer „9 to 5“ hört, denkt an Dolly.
Und wer Dolly in „9 to 5“ sieht, hört automatisch den Song.
Film und Lied werden zu einer Einheit.
Dolly Parton wird zum Popstar
Und genau das ist vielleicht der wichtigste Punkt unserer Geschichte.
„Jolene“ hatte Dolly bereits zu einer Country-Ikone gemacht.
Mit „9 to 5“ zeigt sie:
Ich kann auch Pop.
Ich kann Kino.
Ich kann Comedy.
Ich kann ein Lied schreiben, das Millionen Menschen verstehen.
Und ich kann mich dabei trotzdem selbst treu bleiben.
Und dann kommt die Ironie
Dolly Parton selbst hat nie einen normalen „9 to 5“-Bürojob gehabt.
Aber sie versteht das Gefühl.
Denn sie kommt aus einer Familie, in der harte Arbeit zum Alltag gehörte.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum der Song so glaubwürdig wirkt.
Sie singt nicht von oben herab.
Sie singt für Menschen, die arbeiten müssen.
„9 to 5“ wird zeitlos
Mehr als vier Jahrzehnte später ist der Song immer noch aktuell.
Die Arbeitswelt hat sich verändert.
Computer haben die Schreibmaschinen ersetzt.
Homeoffice hat den klassischen Büroalltag verändert.
Aber das Gefühl, dass man für seine Arbeit mehr Anerkennung verdient, ist geblieben.
Und deshalb funktioniert „9 to 5“ auch heute noch.
Und jetzt kommt das eigentlich Erstaunliche
Dolly Parton hat mit „Jolene“ einen Song über Eifersucht geschrieben.
Mit „9 to 5“ einen Song über Arbeit.
Und mit „I Will Always Love You“ einen Song über Abschied.
Drei völlig unterschiedliche Themen.
Und alle drei stammen aus derselben Feder.
Das zeigt vielleicht besser als alles andere, was für eine außergewöhnliche Songwriterin Dolly Parton war.
Sie konnte aus einem kleinen privaten Erlebnis einen Welthit machen.
Sie konnte aus einem politischen und gesellschaftlichen Thema einen Ohrwurm machen.
Und sie konnte aus einem beruflichen Abschied einen der größten Liebessongs aller Zeiten schreiben.
Und genau deshalb sollten wir unsere Dolly-Trilogie mit „I Will Always Love You“ abschließen.
Denn dort wartet vermutlich die größte Überraschung:
Dolly schrieb diesen Song gar nicht für einen Mann, den sie liebte.
Sie schrieb ihn für Porter Wagoner.
Und damit kommen wir zu einem ganz anderen Kapitel ihres Lebens.
Einem Kapitel über Dankbarkeit, Streit, Trennung – und darüber, wie man einem Menschen „Lebewohl“ sagt, ohne die gemeinsame Geschichte schlechtzumachen. ❤️🎶
