Bosse – Ende der Einsamkeit

Ich habe mich im letzten Jahr oft gefragt, was all die Künstler*innen gerade machen, wenn sie nicht draußen sein können. Nicht unterwegs, nicht auf den Bühnen, nicht unter Leuten. Manchen, so hört man jetzt, hat es die Sprache verschlagen, weil sie genau das brauchen, das draußen sein, das unter Leuten sein und nur dann etwas Neues entstehen kann. Einer, der die ganze Zeit einfach weitergemacht hat, ist Aki Bosse.

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https://youtu.be/piIwg1OoUTw

Bei ihm bedeutet jede Albumproduktion erst einmal kleiner Lockdown. Er schließt sich freiwillig ein, kommt aus den Jogging-Klamotten nicht mehr raus und besucht im Studio alle seine Gefühlszustände. Würde eine Kamera das heimlich filmen, würde man sehen, wie er in seinen 24qm zwischen Gitarren, Synthesizern allein tanzt, wie er verzweifelt in der Ecke sitzt, mit dem Kopf gegen die Wand rennt und wie ihm nach und nach die Freude, die Lust, die Angst, das Lachen und das Weinen besuchen. Der Dauergast ist in dieser Zeit die Melancholie, aus ihr schöpft er seine Kreativität.
Das kann man sich kaum vorstellen, wenn man im Kopf die letzten öffentlichen Bilder durchklickt: Bosse als Headliner auf einer großen Festival Bühne, auf ausverkaufter Hallentour mit über 100.000 Besucher*innen, mit federndem Schritt “Alles ist jetzt” singend, Bosse mit Stinkefinger gegen Nazis beim Echo, aber auch Bosse zur Primetime im Fernsehen bei Joko und Klaas. Wo ist da die Melancholie?

Wir klicken diese Bilder mal weg und schauen ein wenig zurück. Bosses musikalische Reise beginnt Mitte der 90iger als Teenager an der Bushaltestelle in Braunschweig, unglücklich verliebt in – wir nennen sie jetzt mal – Jessica und Grunge hörend. Bei seinen ersten Konzerten ist sein Gesicht nicht zu erkennen, weil da ein paar Haare dazwischen sind. Jessica wollte nicht kommen. Und das ist aus heutiger Sicht das Beste, was passieren konnte. Das erste Album “Kamikazeherz” erscheint 2005. Es ist die Zeit einer Art neuen deutschen Welle, “Wir sind Helden” laufen überall im Radio, Bosse läuft aber erst einmal nirgendwo. Und so geht es auch weiter mit dem zweiten Album “Guten Morgen Spinner”. Die meisten Karrieren wären jetzt vorbei, in diesem Fall sogar doppelt vorbei. Denn in der Zeit ist Akis Frau schwanger. Was macht man, wenn der Bauch immer größer wird aber man nicht weiß, wie man das Essen dafür bezahlen soll? Musiker sein, Künstler sein ist für Bosse jedoch eine Lebensentscheidung – ein nicht anders können. Die Familie hat sich für diesen Weg entschieden, er hat sich Geld geliehen, ins Studio eingesperrt und gehofft. Das dritte Album “Taxi” will dann endlich gehört werden und ab jetzt wird der 1,74m große junge Vater Aki Bosse mit jedem Album immer bekannter. Man kann es vor allem nachvollziehen, wenn man sich anschaut, wie sein Name mit jedem Album größer auf Festivalplakaten wird. Vom Opener zum Headliner.
2013 erscheint sein erster Hit. In “Die schönste Zeit” besingt er die Bushaltestelle, Kurt Cobain und Jessica und erlaubt sich etwas, was er eher selten macht, weil er immer weiter will: Einen Rückblick. Eine Standardfrage in Interviews ist noch zehn Jahre später “Bosse, was war deine schönste Zeit?” Die Antwort: “Die schönste Zeit war doch fast alles im verklärten Blick zurück.
Auch die Umwege und die Schmerzen finden wir im Rückspiegel oft akzeptabel.” Und damit zurück zur Gegenwart und zum neuen Album.

“Sunnyside” ist das achte Studioalbum. Ich höre Synthesizer, Drumloops, Basslines ganz selbstverständlich neben Gitarren. Die Referenzen reichen von Gorillaz, über Macklemore, von Shoegaze bis zu Peter Gabriel und aber auch seiner eigenen musikalischen Biografie. Besonders deutlich wird das gleich im Titelsong. Hier trifft das Gefühl vom Album “Wartesaal” auf den Sound von Heute. Es ist ein sehr interessantes und seltenes Spannungsverhältnis, denn während zeitgenössische Produktionen in meinen Ohren nicht gerade durch Tiefsinn in den Texten punkten, gelingt Bosse genau diese Mischung. Ich nenne es jetzt mal Modern Deepness.

„Sunnyside“ ist lässig und warm, es ist tanzbar und nah, es schließt nicht aus, sondern umarmt zu einem großen Und. Es ist melancholisch und macht Spaß, es erreicht das Herz, und die Streaming Welt, es ist persönlich, wie ich es mir von Bosse erhoffe und er besingt die großen Themen unserer Zeit wie es bitter notwendig ist. Ihm ist es gelungen neu zu klingen, ohne sich beim Zeitgeist anzubiedern. Und darin liegt sein großes Talent: Bosse bewegt sich und wächst mit der Zeit immer weiter und behält dabei seine Wurzeln. Ein Baum? Nein. Ein Popmusiker.
Dieses Und zieht sich ebenfalls durch die Texte. Auf der einen Seite traut sich Bosse mehr Haltung denn je aber auch noch mehr über sich und seine Liebsten zu erzählen.
Im Kellerstudio hat er viel Zeit gehabt darüber nachzudenken, was jetzt wichtig ist, noch wichtiger werden muss und wie wir als Gesellschaft leben sollten. Bei früheren Produktionen stand in der Studioecke immer ein Koffer, mit dem der rastlose Bosse schnell die Biege machen konnte. Das ging im Pandemie-Jahr nicht. Er stellt sich die essenziellen Fragen und kommt dadurch noch tiefer als sonst. Es geht um die Aufarbeitung der eigenen Gefühlswelt und die Notwendigkeit, Verantwortung für unser Tun in der großen Weltgemeinschaft zu übernehmen. Und genau das sind die zwei wichtigsten Themen unserer Zeit ! und des Albums: Mentale Gesundheit und gesellschaftliche Verantwortung.

Wir hören mal durch:
“Der letzte Tanz” beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit von flüchtigen, aber besonderen Momenten, wie wir sie alle im letzten Jahr gemerkt haben. Diese Vergänglichkeit findet man auch in einer verletzlichen, intimen Liebeserklärung an seinen Vater. “Eine Sache noch, bevor du gehst. Auf das nix mehr zwischen uns steht” und während der Kloß im Hals zu platzen droht, dröhnt aus der Bluetooth Box schon “Wild nach deinen Augen” – ein Song, der nichts weiter will, als dass ihr zu zweit durch eure Wohnung tanzt und danach Liebe macht. „Das Paradies” besingt Bosses Utopie von einer besseren Welt, in der alle Menschen bitte gleich betrachtet werden sollen. Aus dem Song entsteht die Idee zum „Projekt Paradies“, ein online Format, in dem soziale Organisationen und Ideen vorgestellt werden. Nicht nur reden, einfach machen. In “Blumen über Dreck” durchpflügt er mit Hip-Hop Ehrenmann Disarstar die Ungerechtigkeiten unserer Zeit, und pflanzt darauf eine Blume.

Die Sonnenblume ist das Symbol des Albums. Sie steht für den melancholischsten Optimisten, den ich kenne und für das über sich hinauswachsen. In der Aktion #zusammenwachsen verteilt Bosse Sonnenblumensamen an tausende seiner Fans und sät selbst ein großes Feld aus. Miteinander wachsen, in einer Zeit, in der man glaubt, man sei allein.

Es geht viel um innere Kämpfe, aber auch um die Zeit nach dem Tunnel. “Dann bist du wieder auf der Sunnyside, ab da geht alles von allein”.
Immer weiter. Immer weiter. Das Schlimmste, was Aki passieren könnte, ist stehenzubleiben. Kopf in Sand gibt es nicht. Dieses in Bewegung sein müssen, kennt man schon aus früheren Liedern. Hier hört man es in “Ich Vagabund” und “Der Sommer”. Und noch zwei weitere Sachen findet man, die sonst eher privat bleiben: In den Texten gibt es jetzt eine Art lustige, entwaffnende Ehrlichkeit. Bosse fragt in “Nebensaison”, ob sie ihn dann auch liebt: “In der
Nebensaison, wenn aus mir nur Leere rauskommt, wie aus Ballermann-Songs”. Ich erinnere nochmal an die Joggingklamotten, die Bosse in so einer Produktionszeit nicht auszieht und den Zweifel am Abendbrottisch. Ein herzliches Danke an die Familie an dieser Stelle.

Und weil wir gerade bei Familie sind: In “Hinter dem Mond” singt nun seine Tochter mit, die “Frankfurt Oder“ zum ersten Mal aus dem Bauch der Mutter gehört hat. Sie ist jetzt 15 Jahre, liebt Billie Eilish und kann natürlich so singen, dass einem das Herz explodiert. Auf diesem Album kommt wirklich alles zusammen.
Bosse hat mir mal gesagt, dass er von sich vor allem gute Unterhaltung erwartet und meint damit Vielfalt im Sinne von leise, laut, Dur, Moll, lachen, weinen, springen und schwofen. Eben die komplette Gefühlspalette, die aber von einer Person gehalten werden kann – genannt roter Faden.

In einer Zeit, in der sich Popsongs nichtssagend in Playlisten aneinanderreihen wie Farbkleckse an der Wand, hat Aki Bosse in den letzten zwei Jahren seine Kleckse auf eine Leinwand verteilt. Ja, “Sunnyside” ist ein richtiges Album mit Spannungsbogen und zeitlosen Geschichten und dem Sound von jetzt. Jessica wird darin noch immer den melancholischen Grunger von der Bushaltestelle finden, aber auch bedauerlicherweise feststellen, dass der Typ, den sie in den Wind geschossen hat, verdammt fresh aussieht.

Öffentliche Aufmerksamkeit und Erfolge sind stetig gewachsen. „Organisch“, wie man so schön sagt. Weil er sich selbst immer treu geblieben ist. Nur die Songs schreiben konnte und veröffentlichen wollte, die aus der Feder seiner ganz persönlichen Emotionen und Überzeugungen stammen. Dass dieser Weg – auch, wenn er manchmal länger ist und steiniger ist – zum Ziel führt, zeigen Nummer 1–Chart-Platzierungen für die beiden letzten Alben „Engtanz“ und „Alles ist jetzt“. GOLD-Auszeichnungen für die Alben „Kraniche“, und „Wartesaal“ sowie für die Single „Schönste Zeit“. Die dreifache Auszeichnung mit dem Hamburger Musik Preis „Hans“, die Nominierungen für die renommierte „1Live Krone“ und die Ehrung mit dem Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie „Text Pop/Rock“.

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