Die Hymne zur Hamburger-Szene der 70er Jahre
Es gibt Lieder, die sind erfolgreich.
Es gibt Lieder, die werden zu Evergreens.
Und dann gibt es Lieder, die irgendwann viel mehr sind als nur Musik. Sie bewahren eine Zeit, einen Ort und ein Lebensgefühl.
„Hamburger Deern“ gehört zu dieser letzten Kategorie.
Wenn heute die ersten Takte erklingen, ist da sofort dieses Hamburg der 1970er Jahre. Ein bisschen frech, ein bisschen schräg, musikalisch, unangepasst und immer bereit für den nächsten Abend.
Und mittendrin steht Peter Petrel.
Aus Liverpool wird Hamburg
Eigentlich begann die Geschichte weit entfernt von der Elbe.
„Liverpool Lou“ war ein Lied des irischen Songwriters Dominic Behan. Bekannt wurde es in der Mitte der 1960er Jahre durch The Scaffold, jene ungewöhnliche britische Gruppe, zu der neben dem Komiker John Gorman und dem Dichter Roger McGough auch Mike McGear gehörte – der Bruder von Paul McCartney.
1974 nahm sich die Hamburger Rentnerband des Stückes an.
Aus „Liverpool Lou“ wurde „Hamburger Deern“.
Die Musik blieb im Kern erhalten, doch aus Liverpool wurde Hamburg. Aus einer englischen Figur wurde eine Hamburger Geschichte.
Und diese Geschichte war nicht erfunden.
Sie handelte von Peter Petrel.
Onkel Pö
Wer verstehen will, warum „Hamburger Deern“ bis heute so besonders wirkt, muss sich in das Hamburg jener Jahre hineinversetzen.
Ein wichtiger Treffpunkt dieser Szene war das Onkel Pö in Hamburg-Eppendorf. Dort trafen sich Musiker, Künstler und Nachtschwärmer. Jazz, Rock, Blues, Kabarett und alles, was sich nicht so recht in eine Schublade einordnen ließ, gehörten zum Programm.
Auch Peter Petrel war dort zu Hause.
Und dort lernte er die Frau kennen, die später seine Ehefrau werden sollte.
Aus dieser Begegnung entstand die Geschichte von „Hamburger Deern“.
Der Text stammt von Ewald Lütge, der ihn unter dem Pseudonym „Lob“ schrieb. Lütge war selbst eine wichtige Figur der Hamburger Szene und gehörte zu den Menschen, die hinter der Rentnerband standen.
Damit war „Hamburger Deern“ plötzlich viel mehr als eine deutsche Version eines englischen Liedes.
Es war Peter Petrels eigene Geschichte.
Und vielleicht erklärt genau das, warum der Titel so authentisch klingt.
Eine Band, die eigentlich gar keine richtige Band sein sollte
Die Geschichte der Rentnerband ist mindestens ebenso ungewöhnlich wie ihr Name.
1974 entstand die Gruppe aus der Hamburger Musikszene heraus. Zu den Musikern gehörten neben Peter Petrel unter anderem Gottfried Böttger, Lonzo Westphal, Django Seelenmeyer, Willem, Ingo Kröger und Charly Krüger.
Der Name Rentnerband stammte von Udo Lindenberg.
Und eigentlich war die ganze Angelegenheit zunächst eher als Gag gedacht.
Das passte wunderbar zu dieser Hamburger Szene.
Musiker, die ohnehin miteinander bekannt waren, fanden sich zusammen. Es wurde musiziert, ausprobiert und herumgealbert. Niemand konnte damals wissen, dass daraus eine der ungewöhnlichsten Bands der deutschen Musikszene werden würde.
Udo Lindenberg hatte den Namen übrigens bereits in seinem Lied „Alles klar auf der Andrea Doria“ verewigt:
Bei Onkel Pö spielt eine Rentnerband.
Eine Zeile aus einem Lied wurde Wirklichkeit.
Und plötzlich gab es sie tatsächlich.
„Hamburger Deern“ wird zum Hit
Im Sommer 1974 wurde das Album „…alles klar“ aufgenommen. „Hamburger Deern“ wurde als Single ausgekoppelt.
Peter Petrel übernahm den Gesang.
Und damit war die Rentnerband plötzlich nicht mehr nur eine verrückte Idee aus Hamburg.
Sie hatte einen Hit.
Am 23. November 1974 trat die Gruppe mit „Hamburger Deern“ in der Fernsehsendung „Disco“ auf. Am 2. Dezember begann der Titel seinen Weg durch die deutschen Charts. Insgesamt blieb die Single 16 Wochen notiert und erreichte Platz 20.
Das klingt heute vielleicht gar nicht spektakulär.
Damals war es das.
Denn „Hamburger Deern“ war kein gewöhnlicher Schlagertitel. Er klang anders. Die Musiker kamen aus einer anderen Ecke. Und die ganze Geschichte dahinter hatte diesen unverwechselbaren Hamburger Charme.
Das Publikum mochte es.
Sehr sogar.
Für „Hamburger Deern“ erhielt die Rentnerband schließlich die Goldene Europa als Neuentdeckung des Jahres.
Plötzlich war aus dem Gag eine richtige Band geworden
Und jetzt wurde es für die Rentnerband beinahe ernst.
Aus dem kurzfristigen Plattenprojekt wurde eine Live-Band. Anfang 1975 folgten die ersten Auftritte, unter anderem zwei ausverkaufte Konzerte im Hamburger Schauspielhaus.
Aus einer Gruppe von Musikern, die eigentlich nur ihren Spaß haben wollten, war eine Truppe geworden, die plötzlich auf Tournee ging.
Die Besetzung veränderte sich dabei. Einige Mitglieder der ursprünglichen Formation gingen andere Wege, neue Musiker kamen hinzu. Unter ihnen waren später auch Werner Böhm, der sich als Gottlieb Wendehals einen Namen machen sollte, und Hans Herbert Böhrs.
Die Rentnerband war damit endgültig zu einem Spektakel geworden.
Nicht geschniegelt.
Nicht geschniegelt sein wollend.
Sondern laut, musikalisch und mit jeder Menge Humor.
Genau das passte zu Hamburg.
Peter Petrel und seine Hamburger Geschichte
Für Peter Petrel blieb „Hamburger Deern“ allerdings etwas Besonderes.
Er hatte 1972 mit den Windows bereits einen Nummer-eins-Hit erlebt. Er sollte später als Solist weitere Erfolge feiern. Doch „Hamburger Deern“ war anders.
Es war sein Lied.
Oder vielleicht sollte man besser sagen: Es war seine Geschichte, die zu einem Lied geworden war.
Das erklärt auch, warum Peter Petrel den Titel später immer wieder aufnahm.
2004 sang er „Hamburger Deern“ noch einmal gemeinsam mit der Kölner Gruppe De Räuber.
Ein Lied, das drei Jahrzehnte überlebt hatte, musste offenbar niemandem mehr erklären, warum es funktioniert.
Eine Zeit, die man hören kann
Vielleicht ist das das Schönste an „Hamburger Deern“.
Man kann dieses Lied nicht nur hören.
Man kann eine Zeit darin hören.
Das Hamburg der 1970er Jahre. Die Kneipen und Clubs. Die Musiker, die sich kannten und gegenseitig beeinflussten. Die Villa Kunterbunt, in der einige der Musiker zeitweise zusammenlebten. Das Onkel Pö. Udo Lindenberg. Gottfried Böttger. Lonzo. Willem. Peter Petrel.
Und eine Hamburger Szene, in der aus einem verrückten Einfall plötzlich ein Hit werden konnte.
Das Lied bewahrt einen kleinen Ausschnitt davon.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum „Hamburger Deern“ heute noch so unmittelbar wirkt.
Es ist keine nostalgische Erfindung aus späteren Jahren.
Es stammt mitten aus dieser Zeit.
Und dann ist da Rosa
Eine besonders hübsche Besonderheit hat das Lied übrigens noch.
Im Text taucht Rosa auf. Die Stimme von Ingrid Unverdorben gehört zur Aufnahme und beendet ihren gesprochenen Teil mit den Worten „Deine Rosa“.
Solche kleinen Details machen eine Aufnahme lebendig.
Man hört nicht einfach nur einen Sänger und eine Band.
Man hört Menschen.
Und genau das war die Rentnerband.
Peter Petrel bleibt
Peter Petrel hat in seinem langen Musikerleben viele Lieder gesungen.
Er war Jazzsänger.
Er war Skiffle-Musiker.
Er war der Mann von Windows.
Er war Schlagersänger.
Er war Entertainer.
Aber wenn man ein Lied sucht, das seine Hamburger Jahre vielleicht besser als jedes andere zusammenfasst, dann kommt man an „Hamburger Deern“ kaum vorbei.
Denn hier treffen sich mehrere Geschichten:
Ein englisches Lied wird zu einem Hamburger Lied.
Aus Liverpool wird Eppendorf.
Aus einer musikalischen Idee wird eine Band.
Aus einer Kneipenbekanntschaft wird eine Liebesgeschichte.
Und aus einer kleinen Geschichte wird ein Evergreen.
Vielleicht ist das der Grund, warum „Hamburger Deern“ Peter Petrel überlebt.
Man hört den Titel – und Peter ist wieder da.
Nicht als Erinnerung.
Nicht als Name in einer Biografie.
Sondern als Sänger, der uns mitnimmt in ein Hamburg, das es so längst nicht mehr gibt.
Und irgendwo in dieser Geschichte steht ein Musiker im Onkel Pö, trifft eine Frau und ahnt wahrscheinlich noch nicht, dass aus dieser Begegnung eines Tages ein Lied entstehen wird, das man Jahrzehnte später noch singt.
Hamburger Deern.
Ein Stück Peter Petrel.
Ein Stück Hamburg.
Und ein Stück von einer Zeit, die durch dieses Lied weiterlebt.
