Chris Roberts im Song des Tages 187

Die Geschichte eines jungen Reporters und einem neuen Hit von

Chris Roberts – Die Maschen der Mädchen

2. Juli 2017, Chris Roberts stirbt im Alter von 73 Jahren in Berlin.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=ykX8tQzxYHo

 

Als ich zwei Jahren die Nachricht las, dass Chris Roberts seinen Kampf gegen den Krebs verloren hat, kamen mir viele schöne Begegnungen mit dem Schlagerstar in Erinnerung. Die erste hat ganz sicher dazu beigetragen, dass ich nach wir vor über Musik und Musiker schreibe.

Es war im Herbst 1969, ich war gerade 13 Jahre alt und las im Plattengeschäft, das ich mehrfach in der Woche besucht hatte, dass der Schlagersänger Chris Roberts in der kommenden Woche eine Autogrammstunde geben würde. Autogramme waren in dieser Zeit ein begehrtes Tauschobjekt wie auch Postkarten und Poster aus Zeitschriften. Also nahm ich mir fest vor, an dem Tag hinzugehen.

Auch, wenn Chris Roberts noch am Anfang seiner Karriere stand, war er mit seiner Single „Der große Hit“ dreimal in der ZDF-Hitparade zu Gast und der Vorgänger „Wenn du mal einsam bist“ war auf einer Kassette, die ich in Verbindung mit meinem ganzen Stolz, einem Kassettenrecorder, vor einem Jahr zum Geburtstag bekommen hatte. Natürlich hatte ich auch alle Artikel in der Bravo gelesen, die zu dieser Zeit wohl alle in meiner Klasse verschlungen haben. Ein Unbekannter war der Sänger nicht. Welche Karriere allerdings noch vor ihm stehen sollte, ahnte allerdings auch niemand.

Innerhalb einer Woche Wartezeit auf ein so spannendes Ereignis in unserer Stadt, kommen einem schon einige Ideen, wie man einer so bekannten Person begegnet. Eine davon ließ mich nicht los: Du kannst ihn doch fragen, ob er ein Interview mit dir führen würde. Die Leute im Plattengeschäft kennen dich alle, schließlich bist du ein guter Kunde, der fast jede Woche dort einkauft. Manchmal eine aktuelle Single, aber meistens war ich am Tisch mit den reduzierten Platten zu Gange. Sie kosteten nur noch 1,- DM. Was bedeutete: 5 statt einer neuen Platte in der Sammlung.

So bereitete ich mich die verbleibenden drei Tage akribisch auf das mögliche Interview vor, bat meine Eltern, mich mit einer neuen Kassette für mein Vorhaben zu unterstützen und zuvor noch ein wenig mit mir zu proben. Das klappte nicht, denn so ein Terminkalender eines 13-Jährigen war auch vor knapp 50 Jahren randvoll mit Fußballspielen, Musik hören und lesen, wichtigen Gesprächen über Musik mit anderen und auch Hausaufgaben ließen sich damals nicht vermeiden.

Meine Fragen hatte ich mir auf kleine Karten geschrieben, damit ich nicht lange suchen musste und die gestellte Frage zur Seite legen konnte. Dann war es endlich so weit. Die Autogrammstunde war um 14.00 Uhr. Die Schule war bereits um 13.00 Uhr zu Ende, so dass ich mich direkt auf den Weg machte. Meine Großmutter hatte mich mal wieder mit 5,- DM ausgestattet, damit ich mir „Der große Hit“ kaufen konnte und mir das Cover der Single signieren lassen konnte. Als ich im Schallplattengeschäft ankam, stand Chris Roberts bereits schon bei der Verkäuferin, die mich freundlich begrüßte und mich direkt dem Sänger vorstellte.

„Das ist ein Musik-Fachmann, Herr Roberts, mit ihm müssen wir uns die neue Single anhören. Er kann ihnen dann sagen, ob sie gut ist oder nicht.“ „Hallo, ich bin Chris“, der Sänger stand vom Barhocker auf und reichte mir die Hand, „willst du sie mal hören, meine neue Single?“ Ich machte einen höflichen Diener, stellte mich vor und natürlich wollte ich sie gerne hören, die neue Single.

Ich war so aufgeregt, dass ich den Inhalt des Liedes gar nicht so richtig wahrgenommen habe. Mein Herz klopfte während mir „Die Maschen der Mädchen in unserem Städtchen, die kenne ich alle…“ bereits im Ohr festsaßen. Dann nahm ich die Kopfhörer ab und stammelte nur: „Die ist klasse!“ Gleichzeitig nahm ich allen Mut zusammen und fragte: „Herr Roberts, dürfte ich ein kurzes Interview mit ihnen machen?“

„Kannst Chris zu mir sagen“, antwortete der Sänger und bot mir sofort den Platz neben sich an, „das können wir gerne machen. Für wen ist das Interview? Für eine Schülerzeitung oder willst du es nur deinen Freunden vorspielen.“ Gott sei Dank musste ich nicht lügen: „Das letzte. Ich habe so etwas noch nie gemacht und weiß auch nicht, ob ich es kann. Ich habe da so einiges vorbereitet.“ „Wenn du willst, können wir loslegen“, ermutigte mich mein sympathischer Gesprächspartner, „bis zur Autogrammstunde sind es noch 30 Minuten. Das bekommen wir in dieser Zeit bestimmt hin.“

Ich holte meinen Kassettenrecorder heraus, schaltete die Aufnahme ein und reichte Chris Roberts das Mikrophon. „Meine Fragen kenne ich ja“, sagte ich ganz mutig und holte meine Karten auch gleich heraus, „behalte das Mikro in der Hand, dann lese ich dir meine Fragen vor.“

Auch wenn die Kassette längst das Zeitliche gesegnet hat, weiß ich jede Antwort bis heute:

Kennst du Lübeck, Chris?

Chris Roberts: Ich war als Kind schon einmal an der Ostsee, bin mir aber nicht sicher, ob ich da in Lübeck war. Was ich natürlich kenne ist das Holstentor vom 50 DM-Schein und das Marzipan. Das ist das beste der ganzen Welt.

Ich mag kein Marzipan und kann es nicht beurteilen (erst beim Abhören stellte ich fest, dass ich mich nicht stur an meine Karten gehalten habe). Wie bist du Sänger geworden?

Chris Roberts: Wie die meisten in der heutigen Zeit. In der Schule habe ich in einer Beat-Band gespielt und dann hat mich einer bei einem Auftritt gesehen und mich nach dem Auftritt gefragt, ob ich nicht Sänger werden wolle. Das wollte ich wie du weißt und jetzt bin ich hier und stelle meine neue Single „Die Maschen der Mädchen vor“.

Welches Instrument hast du in der Band gespielt? (Die Frage war nicht vorbereitet, musste aber sein)

Chris Roberts: Ich bin Schlagzeuger, war aber schnell auch Sänger bei den Blue Rockets. Du hast eine schöne Handschrift. Diese Frage steht ja gar nicht auf einer deiner Karten. Die Idee mit den Karten finde ich gut. Das solltest du weiter so machen. Viele deiner Kollegen verlieren schnell den Faden, wenn sie alles auf einem Zettel stehen haben.

Kollegen hört sich gut an. Das ist mein erstes Interview. Wenn du in einer Band gespielt hast, warum hast du dann nicht Beat-Musik gemacht, sondern Schlager?

Chris Roberts: Du wirst lachen, meine erste Schallplatte war auf Englisch und war im Beat-Rhythmus. Sie hieß „Baby’s Gone“, aber keiner wollte sie haben. Moderner Schlager ist doch auch gut oder magst du keinen Schlager?

Doch, ich höre mit meiner Oma immer Schlager. Sie wohnt bei uns im Haus und hört den ganzen Tag Radio. Sie freut sich, wenn ich sie mit meinem Plattenspieler besuche und wir uns meine Schallplatten anhören.

Chris Roberts: Wie alt bist du eigentlich und was hast du für Schallplatten?

Ich habe jetzt 54 Singles und zwei Langspielplatten. Die kann ich dir zwar alle aufzählen, aber dann ist unsere Zeit vorbei. Es sind auch einige Schlager dabei. Mir gefällt es, wenn Oma meine Platten mag und gerne hört. Sie mag am liebsten Heintje, den finde ich jetzt aber nicht mehr so gut. Am liebsten höre ich jetzt die Bee Gees, Barry Ryan und Creedence Clearwater Revival. Von denen habe ich eine Langspielplatte; „Willy And The Poor Boys“, die finde ich wirklich klasse.

Chris Roberts: Du hast einen guten Geschmack. Schau mal jetzt kommen die Leute, da müssen wir zum Ende kommen. Du solltest weiter Leute interviewen, du bist gut vorbereitet und weißt wovon du sprichst.

Ich glaube jetzt hast du auch mehr mich als ich dich interviewt. Eine Frage habe ich aber noch: Hast du aktuell eine Lieblingsplatte?

Chris Roberts: Ich habe immer mehrere Lieblingsplatten. Alles von den Beatles finde ich gut und vor allem mag ich zur Zeit auch Zager & Evans mit „In The Year 2525“. Merke dir, dass du heute instinktiv alles richtig gemacht hast. Du hast mir zugehört und mir automatisch Fragen gestellt, die dein Interesse an mir bewiesen haben. Das können nur wenige. Die meisten lesen nur ihre Fragen ab. Da kommt nie ein so schönes Gespräch zu Stande wie unseres gerade. Danke für das Gespräch, wir sehen uns bestimmt wieder!

Er sollte recht behalten. Jedes Mal, wenn ich ihn traf habe ich ihm oft von meinem ersten Interview berichtet. Daran konnte er sich nicht erinnern, aber er hat, genau wie er es mir geraten hat, immer gut zugehört, so dass wir manch tolle Gespräche geführt haben.

An diesem Tag irgendwann im Herbst 1969 habe ich mir dann natürlich die neue Single „Die Maschen der Mädchen“ gekauft, die deshalb auch unser heutiger Song des Tages ist. Für „Der große Hit“ reichte das Geld nicht und ich hatte auch nicht den Mut, die Verkäuferin zu fragen, ob ich die Platte in der kommenden Woche bezahlen könnte. Chris schrieb mir noch einen kleinen Stapel Autogrammkarten, damit ich etwas zum Tauschen hatte. Er kannte sich erstaunlich gut aus im Leben eines 13-Jährigen.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=Ey6cHXL1dKw

 

Als ich wenige Tage später meiner Oma die neue Platte mit dem signierten Cover zeigte und vorspielte war sie ganz begeistert von dem Sänger. Dann holte sie ihr Portemonnaie heraus und drückte mir 5 DM in die Hand mit den Worten: „’Den großen Hit’ muss ich auch unbedingt kennenlernen.“

Gleich nach der Schule ging ich am nächsten Tag schnurstracks ins Plattengeschäft. Die Verkäuferin empfing mich noch freundlicher als sonst. „Komm mal, ich habe etwas für dich!“ Sie drückte mir eine Tüte mit einer Single in die Hand und sagt: „Einen schönen Gruß von Chris Roberts soll ich dir bestellen. Er war sich sicher, dass du diese Single auch haben wolltest.“ Nun hatte ich auch „Den großen Hit“ signiert.

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